Victoria K.R. IV
Es ist gar nicht so leicht einen Prüfungsbericht über diese wunderschöne Maschine zu schreiben. Sie fällt aus dem Standardrahmen heutiger Konstruktionen heraus, und man darf es sich daher nicht leicht machen und sie einfach mit Durchschnittskonstruktionen vergleichen. Man muss zuerst den Standpunkt festlegen, von dem aus man diese Maschine beurteilen will.

Der Kritiker hat Gefühle, die vielleicht denen eines Schriftstellers ähneln, der eine schöne, interessante Frau trifft, eine Frau, der er als Vorbild für eine seiner Figuren wählt.

Er beobachtet die Frau und sagt: Sie ist schön! Ich weiß zwar selbst noch nicht, ob sie ganz mein Typ ist, ob sie jedermanns Typ ist, denn man kann nicht von ihr sagen, sie sei landläufig hübsch, nett oder so etwas, nein, es ist absolute Schönheit voll Charakter und Rasse. Man muss Stellung nehmen und findet eine Stellung, ohne von primitiven Gefühlsregungen beeinflusst zu sein. Man beschäftigt sich mehr und mehr, man entdeckt kleine Schönheitsfehler und verliebt sich schließlich doch, wenn auch etwas platonisch. Sind unsere Gefühle einer Maschine gegenüber so viel anders geartet, als die des Schriftstellers? Das erste, was der Kritiker tat: Er taufte die KR 6 Lady Victoria.

Mylady ist charmant, hin und wieder etwas eigenwillig, aber nie verleugnet sie ihre gute Erziehung und die konservative Tradition ihrer guten Herkunft. Man befreundet sich mit ihr ganz von selbst auf der Basis gepflegter Umgangsformen und einer gewissen Zurückhaltung, die man mancher anderen Maschine gegenüber leicht verliert. Lady Victoria ist vornehm, diskret, sie hat ein charaktervolles Gesicht und wohlproportionierte Figur. Ihre Linie ist vollschlank, ihre Bewegungen sind ruhig, ausgeglichen und doch leicht; sie ist eine Sportlady jener Art, die den Sport betreibt als selbstverständlichen Teil ihres Daseins, aber nicht um der Höchstleistung willen, nicht um des lauten Betriebes willen, nein aus Liebhaberei einer Aristokratin.

Lady Victoria hat einen wundervoll durchtrainierten Motor. Er hat einen Langsamlauf wie eine schleichende Katze, aber auch ihre Geschmeidigkeit und Schnelligkeit. Die Beschleunigung ist famos. Mylady ist eine sehr gute Langstreckenläuferin ohne ein schlechter Sprinter zu sein.

Sie läuft 120 Tachokilometer - welche Frau schwindet nicht ein paar Jahre herunter, welcher Tachometer nicht ein paar Kilometer hinauf? Der Kenner lächelt, schwindelt vielleicht galant noch etwas dazu und sagt Freunden ins Ohr: 100 ehrliche sind's immerhin.

Das Stehvermögen ist außerordentlich und blamiert alle Theoretiker, denen die Kühlung des hinteren Zylinders nicht ausreicht. Der Motor zeigt alle Vorzüge eines gegenläufigen Zweizylinders. Er ist völlig ausbalanciert und hat keine kritische Tourenzahl. Bei 77 mm Bohrung und 54 mm Hub hat er 596 ccm Inhalt. Er ist mir Druckumlaufschmierung versehen. bei der das Öl aus einem tiefliegenden Sumpf dem Pleuellager durch die hohe Kurbelwelle zugeführt wird. Normalerweise braucht der Motor etwa 1/5 Liter Öl pro 100 km. Lady Victoria litt an etwas in Unordnung geratenen Stoffwechsel. Die Ölpumpe arbeitet viel zu reichlich, so dass der Verbrauch erheblich war und sehr viel Öl an der Entlüftung austrat. Die Richtigkeitder Verbrauchsangaben der Fabrik wurde mir durch einige Polizeifahrer, die die Maschine im Dienstgebrauch haben, bestätigt. Die fehlerhafte Einstellung der Ölung zeugt einen kleinen Mangel auf. Der Kettenschutz an der vorderen Kette schließt nicht genügend ab, so dass das sehr reichlich austretende Öl auf der Motorseite an ihm vorbeigeschleudert wurde und allerhand Unheil anrichtete. Um auf die Stoffwechselstörungen zurückzukommen: Der Vergaser stimmte nicht. Mylady sollte sich einer eingehenden Kur beim Versuchsingenieur der Vergaserfabrik unterziehen. Es ist nicht möglich, eine Einstellung zu finden, bei der ein einwandfreier Übergang vom Leerlauf zum Betrieb stattfindet, hone dass der Vergaser niest. Um überhaupt einen Übergang zu bekommen, muss im Leerlauf mit völligem Luftabschluss der Leerlaufdüse und leicht angehobenem Hauptschieber bei viel zu fetter Einstellung gearbeitet werden. Wir sind überzeugt, Mylady, dass Ihnen diese Kur helfen wird. Sie brauchen nicht besorgt zu sein; wenn aber nicht, dann versuche man es mit einem anderen Typ, denn es ist eine Jammer, den Motor mit so ungleichmäßigem Gemisch zu füttern, wie es jetzt der Fall ist und seinem Temperament durch mangelnde Vergasung Zügel anzulegen. Vorzüglich gelöst ist die so außerordentlich schwierige Frage der gleichmäßigen Gemischverteilung auf beide Zylinder bei Verwendung nur eines Vergasers. Die Ansaugleitungen sind gleich lang und kein Zylinder wird durch Kondensatabwanderung benachteiligt. Sehr schön ist auch die Anordnung des Vorwärmers, der durch Umlegen einer Klappe außer Betrieb gesetzt werden kann. Der Motor ist mechanisch sehr leise. Das mechanische Geräusch, das noch vorhanden ist, rührt von der kurzen Kette her. Vielleicht empfiehlt es sich, vor Auflegen einer neuen Serie Versuche mit einer kleineren Kettenteilung, eventuell mit Doppelrollenkette, zu machen. Dieses Kettengeräusch passt nicht zur Diskretion der Maschine. Nicht ganz auf der Höhe der Geräuschlosigkeit des Motors ist das Getriebe, das im zweiten Gang - im ersten merkwürdigerweise nicht - heult. Das verliert sich zwar nach einiger Zeit, aber wir sind überzeugt, dass die Victoria-Werke, die mit dem Motor ein Musterstück schönster Präzisionsarbeit zeigen, auch die Zähne Dezes einen Radsatzes so zu schneiden vermögen, dass sie von vorne herein geräuschlos arbeiten. Das Getriebe selbst ist außerordentlich stabil und Defekte sind unbekannt. Die Kupplung arbeitet sehr weich und ist ölfest. Die Schaltfähigkeit entspricht nicht ganz den Ansprüchen, die man an eine Maschine von Sonderklasse stellt. Man muss erst einige Tricks kennen, bevor man so spielend schalten kann, wie das bei den besten der modernen Getriebe möglich ist. Z. B. hebt die Handkupplung nicht genügend aus und der erste Gang muss bei Verwendung der Fußkupplung mit Energie "gerissen" werden, wobei darauf zu achten ist, dass der Motor nur ganz geringe Touren dreht, sonst gibt's Musik. Es ist anzunehmen, dass sich das auf die Dauer besser, wenn die Maschine mehr als 1700 km gelaufen ist. Aufwärts schaltet sich das Getriebe nicht schlechter, als das beste andere. Um vom dritten in den zweiten Gang zu kommen, muss man wie bei einem Wagen schalten, d.h. man darf das Gas nicht ganz wegnehmen. Am besten schaltet es sich unter Zuhilfenahme des Kurzschlussknopfs, der auch zum Abstellen dienst. Ein Dekompressor ist nicht vorhanden und fehlt auch nicht: Die Maschine ist sehr leicht anzuwerfen und springt gut an. Mylady weiß, was sich gehört, ihre Sprache ist ein gutturales Murmeln und sie verliert auch nicht die Kontenance, wenn sie sich gehen lässt. Jede Anstrengung laut anzukündigen, überlässt sie der misera plebs und dem ihr nicht sympathischen Geschlecht wegversperrender Hühner.

Mit 1,47 m Radstand ist die Maschine wesentlich kürzer geworden als ihre Vorgängerin. Der Gesamtaufbau ist klar, übersichtlich, gedrungen, dennoch ist die Zugänglichkeit gut. Außerordentlich stabil ist der Wiedernahmen, der völlig geschlossen ist und bei dessen Konstruktion Seitenwagengebrauch bestimmend war. Die Gabel ist die altbewährte Victoria-Gabel; auch sie, sowohl vertikal als auch horizontal federnd, ist für Seitenwagenbetrieb besonders geeignet. Die Bremsnaben sind gut dimensioniert und sehr wirksam, fast zu wirksam. Bei Solobetrieb sind sie mit Zurückhaltung zu betätigen, denn sie greifen sehr scharf. Die Räder sind auswechselbar, Bremskörper und Kettenkranz bleiben bei der Demontage im Rahmen stehen. Sehr gut ist die Schmutzabdeckung durch die Kotschützer; wie selten ist gerade diese Frage befriedigend gelöst. In den verchromten Satteltank mit eingeätztem Victoria-Adler gehen 16 Liter. Nicht immer angenehm ist die glänzende Deckfläche, die störend blenden kann. Ich möchte vorschlagen, sie zu mattieren. Die Victoria-Werke haben vorgesehen, für Solobetrieb andere Lenker und Fußbretter zu liefern, sowie eine neue Serie in Angriff genommen wird, und das ist sehr gut, denn die Sitzhalterung, die für Seitenwagenbetrieb in Verbindung mit dem sehr breiten Lenker bequem ist, ist ungeeignet beim Solofahren und erlaubt einem nicht, die Maschine so fest zwischen die Beine zu nehmen, wie man möchte, um diese Maschine mit ihrem temperamentvollen Motor und ihrer guten Straßenlage auszufahren. Die Straßenlage ist wirklich ausgezeichnet. Der Solofahrer muss sich bei 27x4-Zoll-Reifen, die wohl für den Seitenwagenbetrieb bestimmt sind, eine gewisse Zurückhaltung auferlegen. Es gibt keine Maschine, die auf diesen überdimensionierten Reifen unter allen Verhältnissen gut liegt. Die großen Luftkissen stellen angedampfte Federn dar, die beliebig springen können. Diese Reifen sind eine Mode, sie sind wirklich nur berechtigt bei Seitenwagenbetrieb oder auf dem Hinterrad, wenn dauern mit Sozius oder sehr schwerem Gepäck gefahren wird. Die Auflagefläche dieser Mäntel sind viel größer, als z.B. die von 26x3,5-Reifen, die auf dieselbe Felge passen und bei der vorzüglichen Sattel- und Gabelfederung der Victoria sich höchstens besser fahren. Die große Auflagefläche verringert die Gleitsicherheit auf schmierigen Straßen. Es ist eine irrtümliche Annahme, dass sich eine große Fläche günstig auswirkt; kleine Flächen, die mit hohem spezifischem Druck aufeinandergepresst werden, haften viel besser, da sie durchgreifen und die schmierende Zwischenlage weggepresst wird. Hat man der Maschine in einer Kurve zu viel zugemutet oder womöglich gerade in einer Kurve Wellen und Schlaglöcher erwischt, dann weichen diese Riesenreifen nach der Seite aus, die Maschine beginnt zu schwänzeln und peinliche Überraschungen sind möglich. Der Verfasser hat sich mit vielen Konstrukteuren und Fabrikanten unterhalten und fast ausnahmslos hieß es: Wir liefern Ballonreifen nur, weil sie absolut verlangt werden. Eine Maschine ohne Ballonreifen ist unverkäuflich. Unsere Maschinen liegen besser mit kleineren Reifendimensionen. Die Bodenfreiheit der Victoria erlaubt ohne weiteres die Verwendung von 26x3,5-Zoll-Reifen.

Die Maschine ist in erster Linie als Seitenwagenmaschine gedacht, und zum vollen Genuss des Motors kommt man tatsächlich erst bei Seitenwagenbetrieb. Um so wertvoller ist es, dass festgestellt werden kann, dass die Maschine auch als Solomaschine über sehr gute Fahreigenschaften verfügt, Fahreigenschaften, die erheblich über dem Durchschnitt liegen.

Es ist nötig, noch einmal auf die individuelle Persönlichkeit von Lady Victorias hinzuweisen. Sie hat ihr eigenes Publikum. Der Kreis ihrer Verehrer wird sich hauptsächlich aus ausgesprochenen Tourenfahrern rekrutieren, insbesondere aus passionierten Langstreckenfahrern und Leuten gesetzten Alters. Zu ihren Liebhabern werden viele Veteranan des Motorradsports gehören, die für ihre konservative Schönheit Verständnis haben. Die Maschine fährt sich wie ein zweirädriger Wage. Sie dürfte konkurrenzlos sein zum Erreichen hoher Durchschnitte über lange Strecken in der Hand eines ruhigen und gesetzten Fahrers. Ich habe den vergeblichen Versuch gemacht, alle Maschinentypen, die ich bisher gefahren habe, zusammenzuzählen; es sind über 50. Aber auf keiner Maschine fuhr ich so ermüdungsfrei. Die Hauptursache ist - neben der guten Gabel und ruhigen Lage an sich - die sehr gute Sattelkonstruktion, bei der der Sattel schwingend an der Nase aufgehängt ist, d.h. so nahe als möglich am Schwingungsmittelpunkt des ganzen Systems. Die Federung erfolgt durch horizontale Zugfedern, deren Vorspannung dem Fahrergewicht angepasst werden kann. Da wir schon einmal bei der Ausstattung sind: Mustergültiges Werkzeug, formschönes, stabile Gepäckträgerkonstruktion, gute, ausgekleidete Werkzeugtaschen, einwandfreie Horn-, Batterie, und Scheinwerferaufhängung. Die Lenkerarmaturen sind eine Sache, über die man streiten kann. Viele Leute finden die Drehringe für Luft- und Zündungsverstellung praktisch, andere - dazu gehöre ich - nicht. Diese Drehringe verstellen sich zu leicht selbst beim Bedienen der Drehgriffe, außerdem liegen die Flügel ungeschickt für die Betätigung. Die Anordnung der Fußbremse ist vor allem für den Solofahrer recht ungeschickt. Nur ganz kleine Leute können sie betätigen, ohne den Fuß vom Trittbrett zu entfernen. Eine Fußbremse, vor allen Dingen dann, wenn die Bremsnabe sehr scharf ist, ja zum Blockieren neigt, mit freischwebendem Fuß zu bedienen, führt zu Unzuträglichkeiten, da man kein Gefühl hat. Auf rauem Boden ist es mit der Kontrolle ganz aus. Bei Fußbrettmaschinen ist die sonst nicht sehr günstige Absatzbetätigung die bessere Lösung. Die Steuerfähigkeit der Maschine ist in jedem Gelände gut. Das Letzte an Möglichkeit zu erproben, war mit Ballonreifen ausgeschlossen. Die Maschine geht besser durch die Kurven, als man bei ihrer Länge erwartet. Sie läuft unbedingt geradeaus; sie liegt, wie man sagt brettfest. Immer wieder sind es die überdimensionalen Reifen, die schlechter liegen, als die Maschine selbst.

Mylady, ich verehre Sie und ich wünsche Ihnen ein Übermaß an Freund und - darf ich's sagen? - Liebhabern. Sie werden Sie alle glücklich machen. Wenn es mir gelingt, Ihnen mit diesen Zeilen recht viele neue Verehrer zuzuführen, verzeihen Sie mir dann, dass ich so indiskret war, Ihre kleinen Schwächen ans Tageslicht zu bringen. Und noch eins: Wenn Sie nächstes Jahr verjüngt wiederkehren, dann bitte mit schwarzen Kniekissen und schwarzem Schaltknopf, denn die diesjährigen sind zwar blau, aber schauderhaft - Pardon - und passen nicht zur Ihren distinguierten Kleidung.

Lady Victoria, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, war mir eine Freude und ein großer Genuss. Ich hoffe, Ihnen wieder zu begegnen. Für heute verlasse ich Sie mit Gefühlen warmer Freundschaft. Wenn einst die Sturm- und Drangperiode eines Motorradherzens hinter ihm liegt, kehre ich vielleicht zu Ihnen zurück, um Ihnen treu zu bleiben.

Ihr Bielefeld

Quelle: "Motor und Sport", 1931