Fahrschule bei der Bundespost
Angesichts der gelben Wagen und Busse, die im Dienste der Post über die Straßen rollen, mag sich so mancher zurückerinnern an die Zeit der Postkutsche und des Schwagers mit dem Posthorn. Aber das Posthorn, das sich mit den Blitzen im Emblem der Deutschen Bundespost befindet, hat heute nur noch symbolische Bedeutung, im Zeitalter der Motorisierung konnte sich die Post dem Fortschritt nicht verschließen, das Kraftfahrzeug beherrscht jetzt sehr weitgehend den Postdienst. Es wird in mannigfacher Weise nutzbar gemacht zur Briefkastenleerung, zum Zustellen von Eilsendungen und Telegrammen, im Fernmeldebaudienst, im Fernsprech-Entstörungsdienst, zur Beförderung von Paketen und Briefen, zur Postversorgung des flachen Landes und nicht zuletzt im Postreisedienst. Die Deutsche Bundespost hält etwa 40000 Kraftfahrzeuge und Anhänger, die jährlich eine Fahrstrecke von rund 600 Millionen Kilometern leisten. Tagtäglich müssen die gelben Wagen in das Verkehrsgetümmel, die Umsicht und Geschicklichkeit der Postkraftwagenführer ist zu bewundern. Woher kommen die Kraftwagenfahrer, die für die ordnungsgemäße Führung der Post-Kraftfahrzeuge benötigt werden?

Es gibt posteigene Fahrschulen, die von den Oberpostdirektionen bei den Betriebsämtern mit dem stärksten Kraftfahrdienst eingerichtet werden. Für die Abnahme der Fahrprüfung und die Erteilung der Fahrerlaubnis sind die einzelnen Oberpostdirektionen zuständig. Die Ausbildung wird nach den vom Bundesverkehrsminister herausgegebenen Ausbildungsrichtlinien durchgeführt. Darüber hinaus werden aber auch die wichtigsten Spezialvorschriften des Postkraftfahrdienstes behandelt. Außerdem ist es üblich, die Fahrschüler über die Pflichten des Kfz-Führers bei Unfällen, die Ersatzpflicht, die Regreßmöglichkeit und die Folgen bei disziplinaren Vergehen (Schwarzfahrten, Alkoholgenuß, Unfallflucht usw.) zu belehren. Vor 20 bis 30 Jahren war es noch Vorschrift, technische Einzelheiten über Motor, Kupplung, Getriebe, Vergaser usw. zu erörtern. Heute sind die Fahrschüler hauptsächlich für das Verhalten im Straßenverkehr zu schulen, ohne daß dabei die Belehrungen über die pflegliche Behandlung der Fahrzeuge unterlassen werden. In systematischer Schulung wird die Fahrtechnik geübt, wobei das Hauptaugenmerk auf verantwortungsbewußtes und rücksichtsvolles Verholten gelegt wird.

Gleich vom ersten Tage an wird der Fahrschüler mit dem Straßenverkehr vertraut gemacht. Das Anliegen aller Fahrlehrer ist das "gefühlvolle Fahren". Die häufigen Ermahnungen "Nicht am Lenkrad festhalten", "die Gänge nicht reinhauen, sondern -legen", "Sicherheitsabstand halten" erscheinen dem Fahrschüler anfangs ein wenig übertrieben, aber sie sind, wie die Praxis zeigt, notwendig. Der kritische Punkt wird allmählich überwunden, und der Schüler bekommt Freude am Fahren. Und das ist der Zeitpunkt, zu dem ein Lächeln die Zufriedenheit des Fahrlehrers ausdrückt oder ein anerkennendes Wort: "Warum nicht immer so!" oder "So muß das immer sitzen!". Trotzdem kommt es immer einmal wieder zu Rückfällen, und es passiert schon, daß der Fahrschüler während der Fahrstunde - mit seinen Gedanken noch bei der Theorie – in einer kritischen Verkehrssituation am Aschenbecher zieht, statt die Bremsen zu betätigen. Die Fahrlehrer kennen solche Reaktionen und sind auf der Hut. Die einprägsame Warnung "Ein Kraftfahrzeug in unrechter Hand kann zum Mordwerkzeug werden" ist keine Übertreibung, jeder muß danach trachten, die Fahrweise so einzurichten, daß kein anderer Verkehrsteilnehmer gefährdet wird.

Wenn die Fahrschule glücklich überstanden ist, wird das heiße Bemühen um den erworbenen Führerschein zu einem erhebenden Gefühl. Der neugebackene Kraftfahrer wird jetzt, wenn er die Ausbildungswagen mit dem Schild "Fahrschule" sieht, dem Fahrschüler ermunternd zunicken und an seine eigene Ausbildung zurückdenken. Immer mit der Ruhe und niemals die Obersicht verlieren, Ruhe schafft Klarheit und Obersicht. Anfänglich wird sich der neue Kraftfahrer vielleicht noch heimlich wünschen, der Fahrlehrer säße auf dem Nebensitz, um dieses oder jenes zu korrigieren, aber schon bald wird er sich davon freimachen und zur Armee der allseits anerkannt guten Postkraftfahrer gehören, die von den kraftfahrtechnischen Stellen sowie von den Organisations- und AusbildungssteIlen der Beschäftigungsämter auch weiter betreut werden. Die bei der Ausbildung erworbenen Kenntnisse werden durch regelmäßige Fortbildung so vertieft, daß das Fahrpersonal auch den sich ändernden Verhältnissen und den steigenden Anforderungen gewachsen bleibt. Verkehrsrichter und Polizeibeamte der Verkehrsstaffeln, die zu Vorträgen im Fortbildungsunterricht herangezogen werden, sorgen dafür, daß das Wissen um die Verkehrs- und Rechtsvorschriften von berufener Seite laufend ergänzt wird.

Die große Verantwortung der Kraftfahrer bringt es mit sich, daß der Postfuhrdienst nüchterner und sachlicher verläuft als früher einmal. Die Zeiten haben sich geändert, über die Straßen fliegen keine Silberwölkchen mehr, wie sie in der guten alten Postkutschenzeit von Nikolaus Lenau besungen wurden. Heute heißt es:
Schwager Schüler ist jetzt mot,
Auto fahren will er;
und er schaltet schon recht flott,
früher jetzt und stiller.

Und des Motors heller Ton klingt vom Hecke wieder:
Kupple weich, mein Postillion!
Schönstes aller Lieder!

Helmut Zindel

Quelle: "Christl - Familienzeitschrif für die Angehörigen der Deutschen Bundespost", Ausgabe November 1964

Die Fahrzeugstaffel einer Postfahrschule
Unterricht im Lehrsaal
Der Lehrer und sein Schüler.
Die Fahrschüler am Lehrmodell; Erklärung der vorschriftsmäßige Beleuchtung eines Kraftfahrzeugs.
Eine Lehrgruppe im Berliner Straßenverkehr.
DKW RT 250/2 mit LS 200 Seitenwagen; Interessant ist die an dem Lenker befestigte Stange, die es dem Fahrlehrer ermöglicht, ins Fahrgeschehen aktiv einzugreifen.
Später wurde unter Anderem die Hercules K 125 S, bekannt als Zweitakt-Rauhbein und Schluckspecht, bei der Bundespost Fahrschule eingesetzt.
Heinkel Tourist Gespann für die Fahrschule. Im Seitenwagen befinden sich Kupplungs- und Bremspedal für den Fahrlehrer.
Heinkel Tourist Gespann für die Fahrschule. Im Seitenwagen befinden sich Kupplungs- und Bremspedal für den Fahrlehrer.
Heinkel Tourist Gespann für die Fahrschule. Im Seitenwagen befinden sich Kupplungs- und Bremspedal für den Fahrlehrer.
Heinkel Tourist Gespann für die Fahrschule. Im Seitenwagen befinden sich Kupplungs- und Bremspedal für den Fahrlehrer.